Wandernde Salmler


Michael Goulding stellt dazu fünf Thesen auf:

  1. Wasserchemie

    Die Nährstoffarmut in den Zuflüssen zum Rio Madeira (und analog dazu in allen anderen Flüssen, die über kurz oder lang in den Amazonas münden) verhindert das entstehen einer Nahrungskette für die Brut. In den Hauptarmen gibt es mehr Nährstoffe (sprich Mineralsalze), die das Wachstum von Phytoplankton, Zooplankton, Perizoon, Wasserinsekten und niederer Pflanzen (Algen) ermöglichen.

  2. Wettbewerb

    Die Zuflüsse zu den großen Strömen Südamerikas sind bekannt für ihre Vielzahl an kleinen Salmlerarten. Diese Salmler mit weniger als 5 cm Größe stellen eine starke Konkurrenz zur Brut der größeren wandernden Salmler dar. Hinzu kommt, dass die Vertreter bestimmter Gattungen (Myleus, Serrasalmus, manche Leporinus und Brycon) in den Nebenflüssen laichen und ihre Brut dort auch aufwächst.

  3. Ei- und Jungfischräuber

    Im Amazonas gibt es die weltweit größte Vielfalt an räuberischen Süsswasserfischen. Das Laichen in den schwebstofftrüben Hauptarmen der großen Flüsse gibt den Fischeiern und den Jungfischen bessere Chancen zu überleben. Die geringe Sicht in diesen Wässern bietet einen gewissen Schutz.

  4. Lage der Kinderstuben

    Der größte Teil der Überschwemmungsgebiete des Rio Madeira liegt in den unteren Abschnitten des Flusssystems. Goulding glaubt, dass dort die Masse der Jungfische aufwächst. Selbst bei intensiver Suche nach solchen Jungtieren über das ganze Jahr, zeigte sich dass diese entweder selten oder gar nicht im Netz hingen. Allerdings finden sich mitunter auch Jungtiere im Überschwemmungsgebiet des Oberlaufs, was soviel heisst, dass These 4 keine feste und unabänderliche Regel darstellt.  Die Fische folgen ihren Nahrungsquellen, wenn die im Oberlauf vorhanden sind, dann bleiben sie eben dort.

  5. Ausgleich im Ökosystem

    Die Oberläufe der Flüsse bieten mit Ihren überfluteten Wäldern reiche Nahrungsressourcen für die Fische, die mit allochthonen Nahrungsquellen wie Früchten, Samen oder Detritus umgehen können. Das ist in erster Linie den ausgewachsenen oder halbwüchsigen Tieren möglich. Dementsprechend sammeln sich Grüppchen von Tieren, die im Zuge der Piracema-Wanderung sukzessive die Oberläufe besiedeln.
    Das Fluss-Ökosystem als ganzes bleibt auf diese Art und Weise im Gleichgewicht. Der Nachwuchs entwickelt sich im Unterlauf, die adulten Tiere besiedeln die  nährstoffarmen Nebenflüsse und ziehen ebenfalls regelmäßig weiter in Richtung Oberlauf. Dass sich die Populationen dabei ausdünnen, liegt auf der Hand. Die „nachrückenden“ Fische gleichen die natürliche Sterblichkeit der Arten in den Oberläufen aus.

Eine genaue Kenntnis der natürlichen Gegebenheiten, unter denen sich diese Arten und Gattungen entwickelt haben, stellt eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Haltung und mehr noch für Zuchtbemühungen dar. Ich hoffe, diese Reihe hat diesbezüglich ein paar Denkanstöße geliefert.

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