Verhalten

Die verflixte Fünf


Salmler sind Schwarmfische ist einer jener goldenen Sätze in der Aquaristik, die oft ausgesprochen werden, doch nur selten Gehör finden. Angesichts häufig schon dicht besetzter Aquarien lautet der Kompromiss meistens: „Also gut, dann nehme ich fünf.“

Was ist nun falsch daran? Im Prinzip nichts. In einer Gruppe von fünf Tieren können die Fische ihr Sozialverhalten ohne weiteres ausleben. Man riskiert aber, dass das Geschlechterverhältnis sehr ungünstig ausfällt.

Rein von der Wahrscheinlichkeit wird man meist beide Geschlechter haben. Jedoch sind nach meiner Erfahrung 1:4 Konstellationen recht häufig anzutreffen. Meistens sind die  Männchen in der Überzahl. Aber auch den umgekehrten Fall habe ich schon gesehen.

Will man die Tiere zur Fortpflanzung bringen, kann sich so ein unausgewogenes Geschlechterverhältnis allerdings rächen. Ein 2:5-Verhältnis ist hierbei um einiges besser als 1:4.

Wann immer möglich sollte man daher eine Gruppe von mindestens sieben Tieren erwerben. Die Chancen, einen ausgewogeneren „Schwarm“ zu bekommen, steigen durch diese relativ kleine Mehrinvestition enorm.

Übrigens umfassen Restposten auf wundersame Weise auch fast immer fünf Tiere. Achten Sie mal darauf beim Sichten der Stocklisten Ihres Händlers. Hier gilt: Augen zu und durch! Schnäppchenjäger können nicht wählerisch sein. Späteres Aufstocken ist aber wegen der Unsicherheiten bei der Artbestimmung heikel.

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Scheue Fische (2)


Neben der Fluchtdistanz ist Gewöhnung der zweitwichtigste Faktor. Fische sind lernfähig. Deshalb ist es eine gute Strategie, regelmäßig vor dem Becken präsent zu sein. Wenn häufig Störungen erfolgen, dann baut sich eine gewisse Stressresistenz bei den Scheibensalmlern auf. Das ist auch der Effekt im Händlerbecken, wo ständig Publikum in gewissem Abstand vorbeizieht. Für meine eigenen Tiere bin ich dazu übergegangen, möglichst oft vor das Becken zu treten, natürlich zum obligaten Morgenkaffe aber durchaus auch zum Zähneputzen und ähnlichen nicht ortsgebundenen Tätigkeiten.

Der Faktor Licht kann die Furchtsamkeit der Fische sowohl steigern als auch dämpfen. Ein gedämpftes Licht ist eine gute Basis für die erfolgreiche Haltung von Scheiben- und Mühlsteinsalmlern. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine helle Umgebung (z.B. die Sonne, die ins Zimmer scheint) eher ungünstig ist. Der Betrachter wirkt im Gegenlicht auf die Fische besonders groß und furchteinflößend. Deswegen sollte das Becken heller erleuchtet sein als das Umfeld. Am besten ist natürlich gedämpftes Licht überm Becken und ein vergleichsweise dunkler Raum. Wer seine Fische vorzugsweise abends betrachtet, hat das ganz automatisch…

Allerdings sollte man unter keinen Umständen das Licht einschalten, wenn sich die Tiere in der Nachtruhe befinden! Dies gilt nicht nur für die Beckenbeleuchtung, sondern auch für das Licht im Zimmer. Hier ist mit heftigen Panikattacken zu rechnen. Lässt sich diese Störung nicht vermeiden, ist es besser, zunächst eine weiter entfernte und schwache Lichtquelle zu verwenden, damit die Tiere „umschalten“ können. Generell würde ich eine Dimmung empfehlen. Das ist kein muss, kann aber zu interessanten Beobachtungen führen.

Wenn alle Faktoren in sinnvoller Weise zusammentreffen, muss man sich um die Scheiben- und Mühlsteinsalmler keine Sorgen machen. Sie werden ohne Scheu ihre Schönheit und ihr reiches Verhaltensrepertoire präsentieren.

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Scheibensalmler gelten als eher scheue Fische. Für meine Myleus torquatus kann ich das ohne Einschränkung bestätigen, für die Metynnis altidorsalis schon weniger. Allerdings werden auch sie in der älteren Literatur als schreckhaft beschrieben.

Gleichzeitig kann man aber festzustellen, dass sich z.B. in Zoogeschäften immer wieder Tiere mit erstaunlicher Toleranz gegenüber Störungen zeigen. Es geht also offensichtlich auch anders. Aber woran liegt das?

Nach meiner Einschätzung ist ist die Fluchtdistanz der wichtigste Faktor. Mein 720er Becken hat zwei Meter Kantenlänge bei 60 cm Tiefe. Die Tiere reagieren ganz anders, wenn ich von der Längsseite ins Becken schaue oder daran herantrete oder von der Schmalseite. Bei letzterer haben die Tiere eine Fluchtdistanz von bis zu zwei Metern, was ihnen viel Sicherheit gibt. Sie sind dann durchaus unscheu und nähern sich bis auf einige Zentimeter.

Ganz anders bei der Längsseite: Hier beträgt die Fluchtdistanz nur 60 cm und die Tiere müssen sich entscheiden, ob sie dem „Fressfeind“ nach rechts oder links ausweichen. Das führt in der Regel dazu, dass sich der Schwarm teilt und einige Tiere in die eine und einige in die andere (falsche) Richtung bewegen. Diejenigen Fische, die die falsche Seite wählen, reagieren oft entsprechend panisch und stoßen sich beim Wenden oft genug den Kopf an den Seitenscheiben. Sitzt man dann eine Weile ruhig vor dem Becken, ändert sich das freilich auch wieder.

Auch bei anderen Haltern von Myleus-Arten habe ich diese Beobachtung gemacht. Sofern genügend Beckentiefe vorhanden ist, kann man vor dem Becken Gymnastik-Übungen vollführen, ohne dass die Tiere sich in irgend einer Form beeeindruckt zeigen. Man könnte in diesen Fällen fast sagen, dass Scheibensalmler so heißen, weil sie sich an der (Front)Scheibe aufhalten.

Bei meinem schmalen Becken hat es sich jedenfalls bewährt, sich vor der Scheibe immer in einem Bogen zu bewegen. Das lässt dem Myleus torquatus-Schwarm genug Raum, um ohne hektische Bewegungen von einer Seite zur anderen zu wechseln.

Hier geht es zur Fortsetzung.

Beobachtungen in der Dimmerung


Die Phase des Abdimmens ist eine ergiebige Zeit für allerlei Verhaltensstudien. Insbesondere das Verhalten der Metynnis altidorsalis verändert sich spürbar. Sie stehen normalerweise den halben Tag auf ihren Lieblingsplätzen unter den Wurzeln und entfernen sich davon eigentlich nur, wenn sie fressen wollen, ihre Rangfolge aushandeln oder von anderen Fischen aufgescheucht werden.

Während der Dämmerung aber werden sie regelrecht aktiv und erobern die oberen Wasserschichten bis fast hinein ins obere Drittel. Neben Rangkämpfen kommt es immer wieder zu Scheinpaarungen der Männchen und kleineren Flirts mit dem einzigen Weibchen in der Gruppe.

Heute hat sich etwas kurioses zugetragen: Ein Metynnismännchen steigt auf und zettelt für 1-2 Minuten mit allen ihm im Weg stehenden Myleus torquatus ein ausgeprägtes Parallelimponieren an. Jeder Ausweichversuch der bald doppelt so großen Myleus wird pariert, immer schwimmt der kleine Metynnismann auf gleicher Höhe mit den grauen Riesen. Und wie im Rausch nimmt er sich einen Myleus nach dem anderen einmal vor. So zum Lachen haben mich die Fische bislang nur selten gebracht.

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Scheibensalmler sind bekanntlich ja Pflanzenfresser, wobei sie für gelegentliche fleischliche Kost in Form von Mückenlarven oder Artemia  durchaus aufgeschlossen sind und klaglos Ersatzfutter nehmen. In einer gemischten Gruppe von aus Metynnis und Myleus zeigt sich aber, dass sich die Vorlieben der Tiere ganz erheblich unterscheiden.

Metynnis (in meinem Fall M. altidorsalis) halten sich eher bodennah auf, sie haben ein endständiges Maul und eine ihrer Korpergröße entsprechende (im Vergleich zu Myleus schwächere) Bezahnung. Detailliertere Aussagen lassen sich mangels Literatur über Myleus-Arten momentan nicht treffen.

In der aquaristischen Praxis nehmen sie Grünfutter am liebsten in Bodennähe auf und es sollte es sich nach Möglichkeit nicht im Becken bewegen. Wenn Grünfutter im Freiwasser oder an der Oberfläche schwimmt, wird es häufig nicht angenommen. So konnte ich noch nie beobachten, dass z.B. Salatblätter von der Oberfläche des Beckens herabgezogen werden. Es muss also auf einen Stein gebunden werden, um dem natürlichen Auftrieb entgegenzuwirken. Ausserdem sollte man beachten, dass man Metynnis eher weiches Futter anbietet, wobei ich davon absehe, irgendwelche Futtermittel zu überbrühen.

Die Wahl des Futters ist ein gewaltiges und spannendes Experimentierfeld. Es wird ziemlich alles angenommen, sofern es weich ist. Salat, Chicoree, Löwenzahn, Vogelmiere und anderes (Un)kraut werden gut angenommen. Behaarte Pflanzen werden allerdings etwas gemieden, ich habe bei Melisse und Brennessel beobachtet, dass die Fische zwar ein wenig knabbern, aber kaum davon fraßen. Weiches Gemüse wie Zucchini, Mairübchen und dergleichen wird ebenfalls gut angenommen. Man muss sich allerdings darauf einstellen, den größeren Teil davon wieder aus dem Becken herauszunehmen.

Grünzeug kann man einfach hemmungslos ausprobieren, man sieht ja, wie die Fische darauf reagieren. Dabei vertraue ich darauf, dass sie sich schon nicht freiwillig umbringen werden. Im natürlichen Habitat müssen sie schließlich auch selbst entscheiden, was gefressen wird und was nicht. Und dass Tiere, die über Generationen in menschlicher Obhut gehalten werden, ihre Instinkte verlieren, ist ein Gerücht.